Russenmafia
© Stefanie
Schröder
Endlich bin auch in an der Reihe. Ungeduldig reiche ich der Kassiererin mein Geld, packe die Einkäufe vom Band zurück in den Wagen und will diesen gerade mit großer Erleichterung aus dem Kassenbereich bugsieren, als ein durchdringendes Piepen ertönt. Instinktiv weiche ich einen Schritt zurück. Das Piepen verstummt. Ich gehe einen Schritt vor – es piept. Offensichtlich ein Irrtum, denn ich habe keinen zusätzlichen Pulli unter meinem Mantel, schmuggle keine geklauten CDs.Schon spüre ich die ersten neugierigen Blicke in meine Richtung und eine leichte Rötung breitet sich von meinem Gesicht über mein Dekollete aus.
„Bleiben Sie da stehen!!!“ Aus dem Mund der Kassiererin spricht Bruce Willis in einem Ton zu mir, der keinen Widerspruch zulässt und so bleibe ich stehen wo ich bin und es piept. Laut und Nerv tötend.
„Nicht da“, sagt Bruce. „Einen Schritt zurück“.
Erneut füge ich mich. Wenigstens hört das Piepen jetzt auf. Die neugierigen
Blicke nicht. „Entschuldigung, das muss ein Missverständnis…“ hebe ich an, aber
die Herrin der Registrierkasse würdigt
mich nur eines kurzen verächtlichen Blickes, greift zum neben der Kasse
stehenden Mikrofon und beschallt das Einkaufsparadies mit einer monotonen Durchsage:
„Sicherheitsdienst bitte an Kasse 7. Sicherheitsdienst bitte. DRINGEND!“.
Ich versuche möglichst souverän und unschuldig drein zu blicken, aber mir entgeht nicht, dass an der Kundeninfo und im Stehcafé vis-à-vis die ersten Leute die Hälse recken. Schon finden sich Menschen zu Trauben zusammen und beginnen zu tuscheln. Eine Gruppe Guerilla-Rentner beschließt spontan, Solidarität mit der Kassiererin zu üben und versperrt mir den Weg. Ein Anführer löst sich aus der Mitte und ergreift das Wort: „Sie bleiben jetzt mal schön hier, Fräuleinchen!“, blafft er mich an – dabei hatte ich gar nicht vor, zu fliehen. Jedenfalls bis jetzt nicht. Ich versuche einen freundlichen Vorstoß und weise die Kassen-Aufseherin darauf hin, dass ich finde, man könne mich zunächst doch noch freundlich behandeln, denn noch handele es sich ja lediglich um einen Verdacht und da gelte doch in deutschem Recht die Unschuldsvermutung. Um meine Kooperationsbereitschaft zu untermalen, schlage ich ihr vor, dass sie gerne einen Blick in meine Handtasche werfen könne. „Das darf nur der Sicherheitsdienst“, fährt sie mich unverhohlen unfreundlich an und da sehe ich auch schon einen kleinen, untersetzten Mittvierziger mit ausholenden Schritten auf mich zueilen. „Machen Sie jetzt keinen Aufstand und kommen Sie mit“, sagt der Philip Marlowe für Arme und greift mir an den Ellenbogen. Langsam wird es mir zu bunt. „Ich kann alleine gehen“, werfe ich trotzig ein und stapfe missmutig neben dem Sicherheitszwerg in Richtung Verwaltung – vorbei an tuschelnden Hausfrauen, die vermutlich froh sind, dass es nicht sie erwischt hat und der ehrenamtlichen Rentner-GSG 9. Ich überlege kurz, mir meinen Mantel über den Kopf zu ziehen, entscheide mich dann aber, hoch erhobenen und hoch erröteten Kopfes zu schreiten. Den Wagen mit meinen gesammelten Büro-Einkäufen muss ich an der Info stehen lassen.
Im Marktleiter-Büro werde ich vom Schichtführer der VEB Einkauf schon erwartet. Auch hier vermisse ich das Grundprinzip der Höflichkeit. Der blassgesichtige Brillenträger im schlecht sitzenden Jackett sagt mir weder seinen Namen, noch gibt er mir die Hand. Ich nehme an, er hat Angst vor möglichen Anthrax-Anhaftungen an meinen Handflächen. Erschöpft lasse ich mich auf einen Stuhl fallen und versuche einen Scherz, indem ich darauf verweise, dass ich meinen Kaffee gerne mit Milch nehme. Aber weder der Marktleiter noch der Philip Marlowe-Verschnitt, der jetzt breitbeinig die Bürotür sichert, was ihn unvorteilhafter Weise noch kleiner erscheinen lässt, zeigen sich mit Humor gesegnet. Im Gegenteil. Der Marktleiter weist mich mit eisigem Ton an, das bestgehütete Geheimnis Bielefelds zu lüften. Ich soll den Inhalt meiner Handtasche ausleeren und so liegt knappe fünf Minuten später mein Leben ausgebreitet vor zwei Menschen, denen ich niemals den freien Platz neben mir im Bus angeboten hätte: Mein Schlüsselbund, eine Geldbörse, ein Fläschchen dunkelroter Nagellack, zwei Lippenstifte, eine angebrochene Packung Pfefferminzbonbons, zwei Tampons, eine original verpackte Nylon-Strumpfhose in schwarz, eine Rolle Tesafilm, ein Einkaufs-Chip, eine Packung Kopfschmerztabletten, ein Notizbuch, eine Nagelfeile, zwei Kugelschreiber und ein Bleistift, die TAN-Nummern-Liste meines Kontos, drei frische und zwei gebrauchte Taschentücher, ein Maßband, drei Hunde-Leckerlies sowie eine Goldkrone, die der Zahnarzt mir beim letzten Besuch entfernt und in einem leeren Filmdöschen mitgegeben hatte. (Guck an, hier versteckt sie sich…) Zeit, die Tasche mal wieder aufzuräumen, denke ich so bei mir, beschließe aber eine bessere Gelegenheit als diese abzuwarten.
Zu meiner Überraschung eröffnet man mir, dass man mich schon eine ganze Weile im Markt beobachtet habe, weil ich mich verdächtig verhielt, als ich mich über Gebühr lange am Keksregal aufhielt und so tat, als würde ich Preise vergleichen.
„Ich habe Preise verglichen“, wende ich ein. „Und die bereits eingepackten Kekse einfach ins falsche Fach zurück gelegt“, kontert mein Gegenüber. „Ja gut“, gebe ich kleinlaut zu, denn ich hatte auf ein preiswerteres Produkt umgeschwenkt und war zu faul, den ganzen Weg durch die lange Keksreihe noch einmal zurück zu gehen. Aber das konnte dieses Theater hier ja wohl nicht rechtfertigen.
Langsam bin ich genervt. Ich schwitze. Die „Bitte“ mich durchsuchen zu lassen, habe ich in Ermangelung weiblicher Security-Kräfte abgelehnt. Deshalb sitze ich immer noch hier im Mantel und warte auf die bereits angeforderten Ordnungshüter. Das dauert mir hier alles viel zu lange, zumal ich in einer knappen Viertelstunde eigentlich eine Besprechung im Büro hätte. Ich greife also nach meinem Handy, um die wohl schon etwas unruhig wartenden Kollegen zu informieren, dass ich nicht dabei sein kann, weil irgendwer in diesem Universum beschlossen hat, dass dies heute offensichtlich nicht mein Tag ist. Besser: Ich möchte danach greifen, da durchschneidet die Stimme des Security-Pygmäen die Stille: „Das lassen Se mal ganz schön bleiben!!!“ Meine Hand bleibt einen Zentimeter über dem Telefon in der Luft stehen und ich blicke verständnislos. Das wäre ja noch schöner, bekomme ich erklärt. Ich wolle wohl mögliche Komplizen warnen… So langsam wird es wirklich albern. „Meinen Sie ich bin von der Russenmafia und habe vor Ihren Laden niederzumetzeln?“ frage ich. Und es überrascht mich nicht mehr, dass ich für diesen Satz zustimmendes Kopfnicken ernte. Schweiß rinnt mir den Nacken hinunter. Ich ziehe meine Hand zurück. Dann sage ich langsam und betont „Ich greife jetzt in meine linke Manteltasche und ziehe ein Taschentuch heraus. Damit möchte ich mir lediglich den Schweiß abtupfen. Ich bin nicht James Bond und ich werde keine Waffe daraus falten. Versprochen.“ Aber ich bin ja mitten in die spaßfreie Zone geraten. Der Typ an der Tür zieht die Augen zu Schlitzen zusammen und knirscht dann ein „Aber keine Mätzchen, Lady “ zwischen den Zähnen hervor.
Und spätestens jetzt fühle mich total verarscht. „Lady?“….
Ich zähle bis zehn und rechne fest damit, dass die Tür aufgeht und Kurt Felix erscheint oder von mir aus auch Paola Dingeskirchen oder Kai Pflaume oder egal wer und mir erklärt, dass ich gerade Hauptdarsteller in der „Versteckten Kamera“ geworden bin und dann lachen wir alle zusammen und ich kann endlich fahren.
Acht – Neun – Zehn: Die Tür geht auf. Aber es sind weder Kurt Felix noch Paola, noch Kai. Es sind die Ordnungshüter. Meine Freunde und Helfer!
Und
dann geht mit einem Mal alles ganz schnell: Ausweiskontrolle, kurzer Abgleich. „Irgendwas
gefunden?“
„Nein.“
„Gut,
Sie können gehen. Ihre Einkäufe bekommen Sie an der Info.“
Ich kann gerade noch den Inhalt meiner Handtasche zusammen sammeln, dann stehe ich auch schon draußen. Ich fühle mich betrogen. Um das Ende der Geschichte. Um eine Wiedergutmachung. Eine Entschuldigung. Oder zumindest eine Erklärung. Denn eines ist klar: Wenn ich nicht weiß, was denn nun gepiept hat, kann ich diesen Supermarkt für den Rest meines Lebens nicht mehr betreten. Wollte ich aber sowieso nicht. In einem Laden der ganz offensichtlich Probleme mit der Russenmafia hat, kaufe ich doch nicht ein.